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Forum am Sternplatz: Lüdenscheids Freizeitzentrum wird zum Albtraum

LÜDENSCHEIDDrei Einkaufscenter in direkter Nachbarschaft: Diesen irrwitzig anmutenden Plan setzen Stadt und Investoren in den 70er-Jahren in Lüdenscheid um - und scheitern damit. Die Geschichte des "Forums am Sternplatz" zeigt, wie ein gefeiertes Einkaufszentrum zum Spekulationsobjekt verkommen kann.

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  • Lüdenscheids Freizeitzentrum wird zum Albtraum
    Das Forum am Sternplatz: Dunkle Gänge und durchgehender Leerstand prägen das Bild des Centers seit Jahren. Foto: Fabian Paffendorf

Der Frankfurter Geschäftsmann Mezori Hussein Saleh Younus hatte große Pläne als er 2015 die Ladenstraße des Einkaufscenters  „Forum am Sternplatz“ in Lüdenscheid für 330.000 Euro ersteigerte: Sein Ziel war eine Modernisierung. Daraus wurde bisher nichts. Woran liegt das?

Das weiträumige und verwinkelte Center „Forum am Sternplatz“, das neben einer Filiale der Warenhauskette TK Maxx aktuell nur noch einen Schuster sowie eine Diskothek als Mieter aufweist, lässt sich weder Abreißen noch Sanieren. „Bevor man irgendwas machen kann, müsste man die Anteile der anderen Eigentümer kaufen. Aber die bewegen sich nicht vorwärts, was realistische Preisvorstellungen angeht“, sagt Younus. Er ist einer von insgesamt sechs Eigentümern der Immobilie.

Ein weiteres Problem: Ein Teil des Komplexes steht auf einem Areal von Straßen NRW. Der Landesbetrieb bewirtschaftet unterhalb des Centers einen Verkehrstunnel, der den Zu- und Abfluss des Innenstadtverkehrs aus Richtung der Autobahn A45 regelt. Selbst wenn Younus alle Teile des Centers besitzen würde, müsste der Landesbetrieb dem Abriss zustimmen.

Vom gefeierten Einkaufszentrum zum Spekulationsobjekt

Die aktuelle Situation um das "Forum am Sternplatz" ist also überaus schwierig. Wie konnte es soweit kommen, dass aus einem einst gefeierten Einkaufscenter ein Spekulationsobjekt wurde? Um das zu verstehen, muss man tiefer in die Historie eintauchen:

In den 1960er-Jahren plant die Stadt Lüdenscheid ihre Alt-und Innenstadtbereiche großflächig zu sanieren. Grund dafür ist die Anbindung Lüdenscheids an die Autobahn A45, die für 1971 vorgesehen ist. Die Stadtväter wollen die Kommune als Tourismusmagneten und Einkaufsstadt im Grünen für die Region Südwestfalen vermarkten. Und dafür werden in Form von Shopping-Centern neue Gewerbeflächen gebaut.

Am 7. Dezember 1972 feiert man in Lüdenscheid die Eröffnung eines Centers mit dem Namen „Sauerland-Center“ als „wichtigen Schritt in die Zukunft“ der Kreisstadt. Der Solitärbau, der sich mit seinem hohen Turm im Zentrum über insgesamt elf Stockwerke gen Himmel streckt, ist als Hybrid aus Hotelkomplex, Einkaufspassage und überdachter Freizeitmeile gebaut worden. 20 Ladenlokale finden in dem Haus Platz.

Bereits 1973 gibt es Überlegungen zu einem Schwesterbau auf der gegenüberliegenden Straßenseite, der durch eine Fußgänger-Unterführung mit Lüdenscheids erstem Shoppingcenter verbunden werden soll.

Drei Einkaufscenter in direkter Nachbarschaft

Nicht gegenüber, aber knapp 150 Meter weiter wird ab 1974 aber zunächst ein anderes, weiteres Center gebaut - das City-Einkaufs-Center Lüdenscheid (CCL). Der 1977 eröffnete Komplex, der 30.000 Quadratmeter Gewerbefläche bietet, erweist sich schon wenig später als überdimensioniert. Die Folge: Das 80 Millionen D-Mark teure Center, das von der kanadischen Cemp-Gruppe und dem Duisburger Investor Hans Grothe gebaut wurde, leidet von Beginn an unter zahlreichen Leerständen.

1978 beginnen dann die Arbeiten am eigentlichen Schwester-Center des Sauerland-Centers. Das heutige „Forum am Sternplatz“ wird unter dem Namen „Einkaufs- und Freizeitzentrum Innenstadt“gebaut - als drittes Center in direkter Nachbarschaft.

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Forum am Sternplatz und Sauerland-Center

Die Stadtspitze blickte zu dieser Zeit aber bereits auf einen Scherbenhaufen hinsichtlich ihrer bestehenden, überdachten Einkaufsmeilen: Das geplante Hotel im Sauerland-Center war mangels Investor nicht eröffnet worden. Die Stadt musste einspringen und nutzte den neun Stockwerke hohen Turmbau fortan als Altersheim. Auch mit dem CCL gab es Probleme, denn auch ein Jahr nach der Eröffnung waren die Ladenlokale längst noch nicht alle vermietet. Auch hat hier der Sicherheitsdienst massive Probleme mit Jugendbanden und Obdachlosen, die für Ärger im Center sorgen. Schlägereien mit dem Securitydienst oder Ladenbetreibern sind an der Tagesordnung.

Die Stadt steht aufgrund dieser Entwicklungen mit dem Rücken zur Wand. Der neue Bau am Sternplatz wird in einer Ratssitzung deshalb als Freizeitzentrum legitimiert, die Shoppingcenter-Nutzung des Gebäudes geleugnet, wie in den Tageszeitungen zu lesen ist.

Konzept kombiniert Shoppingcenter mit Schwimmbad

Was der Fellbacher Bauunternehmer Kurt Knödler und wechselnde Mitinvestoren zusammen mit der Stadt aber bauen, ist ein weiterer Hybrid. Das Einkaufs- und Freizeitzentrum am Sternplatz wird in vier Zügen realisiert. Den ersten Bauabschnitt, eine rund 5000 Quadratmeter große Handelsfläche über drei Stockwerke verteilt, bezieht Ende 1979 ein großer Möbelmarkt. Investoren sind Knödler sowie die domicil-Verwaltungsgesellschaft Mainz, eine Tochter der Deutschen Anlage Leasing.

Der nächste Abschnitt umfasst eine mehrgeschossige Center-Architektur mit einer Größe von weiteren 12.000 Quadratmetern für Ladenlokale, Gastronomie, Kegelbahnen und Diskotheken. 68 Millionen D-Mark verschlingt das Projekt. Investoren sind der Thyssen-Konzern, ein Immobilienfonds der Düsseldorfer Wirtschafts- und Industrie-Treuhand GmbH & Co und Kurt Knödler. Der Bereich wird im Oktober 1980 eröffnet.

Für den dritten Bauabschnitt muss die Stadt selbst in die Taschen greifen: Da verschiedene Finanzierungsmodelle und Zuschüsse von Bund und Ländern nicht greifen, besorgt Kurt Knödler den Bau eines Hallenbades im Auftrag der Stadtwerke für rund 17 Millionen D-Mark. 

Obwohl Experten der Stadt davon abraten, ein weiteres großes Parkhaus im Innenstadtbereich zu errichten, bekommt der Sternplatz-Komplex gleich noch ein eigenes in direkter Nachbarschaft hochgezogen. Eine Brücke, die es mit dem  „Einkaufs- und Freizeitzentrum Innenstadt“ verbindet, wird zeitgleich realisiert. Im Frühjahr 1981 ist der Gesamtkomplex fertiggestellt. 

Stadtspitze wollte günstig ein Hallenbad bauen

Warum die Stadtväter trotz aller negativen Vorzeichen den Bau eines dritten Centers abnickten, lässt sich anhand der alten Verwaltungsakten und der Tageszeitungen im Bestand des Stadtarchivs nachzeichnen: Das bisherige Hallenbad der Stadt sollte geschlossen und das bestehende Freibad längerfristig saniert werden. Also ging die Überlegung der Stadtspitze dahin, ein neues kostengünstiges Hallenbad zu bauen. Und Kurt Knödler versprach günstig eines zu realisieren - sofern man ihm und den Investoren seiner Shoppingcenter-Idee entgegen kam.

Vorbild des Hallenbad-im-Center-Konzepts sollte das Dortmunder Tropa Mare sein, das damals Teil des Komplexes des Westfalen-Einkaufszentrums (WEZ) war. Für Knödlers Center sprach außerdem, dass die Stadt in den Besitz von Grundstücken gelangen wollte, die Kurt Knödler hielt.

Der damalige Lüdenscheider Bürgermeister Jürgen Dietrich wollte durch einen Flächentausch mit Knödler und dem Centerbau verhindern, dass andere Privatinvestoren hier bauen und so für die Innenstadtsanierung wichtige Grundstücke besetzen könnten. Die Probleme, die dadurch viele Jahre später noch entstehen würden, hatten die Verantwortlichen offenbar nicht im Blick.

Forum am Sternplatz wird zur Bauruine

Das neue Freizeitbad funktioniert für die Stadtwerke halbwegs kostendeckend, aber der Rest des „Knödler-Baus“, wie Bürger den Komplex am Sternplatz mittlerweile getauft haben, gleicht bereits wenige Jahren später einer Ruine. Als der Berliner Kaufmann Erich Wächter das Center im Juli 1988 für 6,7 Millionen D-Mark ersteigert, rollt schon lange keine Kugel mehr über die Kegelbahnen des Freizeitzentrums. Beim Kauf nicht inbegriffen ist damals das Bad sowie das angebundene Parkhaus. 

Zusammen mit dem Architekten Hans-Jürgen Altenheiner will Erich Wächter das Center wieder zum Leben erwecken. 8 Millionen D-Mark verschlingt die Sanierung.

Unternehmer kauft abgewrackte Immobilie

Dass Wächter in der Sanierung einen Erfolg wittert, hat damit zu tun, dass 1988 auch das konkurrierende CCL am Ende ist. Die Leerstände hatten mit den Jahren eklatant zugenommen, große CCL-Mieter wie der Limburger Spielzeug- und Sportartikel-Filialist Richter meldeten Konkurs an und verschwanden.

Das CCL ist zu dieser Zeit nur noch als Angstraum statt als Einkaufsparadies bekannt. In den Gängen des verwinkelten und dunklen Baus trifft sich Lüdenscheids Alkohol-und Drogenszene. Bettler, massiver Vandalismus, eine Rattenplage und Gewaltexzesse prägen das Bild des Einkaufscenters jener Tage weiterhin.

Der Unternehmer Reinhold Zimmermann (Zimbo Fleischhandel) kauft die abgewrackte CCL-Immobilie. Sein Plan sieht vor, das CCL in zwei Bauabschnitten zu sanieren. Dafür soll der Komplex für die nächsten Jahre komplett geschlossen werden, einzig das Warenhaus Kaufhof, das dort über mehrere Etagen Flächen belegt, soll während des Umbaus noch geöffnet sein.

Sanierungsprojekt des Mitbewerbers bietet neue Chance 

Für die Sanierung des ersten von zwei Bauabschnitten ist der Zeitraum 1990 bis 1993 vorgesehen, Bauabschnitt 2 soll 2008 beginnen. Während das CCL nun seine Tore schließt, um später als Stern Center Lüdenscheid neu zu eröffnen, zieht es mehrere Mieter in der Übergangszeit in das ehemalige Freizeit- und Geschäftszentrum Innenstadt, das jetzt den Namen „Forum am Sternplatz“ bekommt.

Aber nicht nur altbekannte Händler und Marken kommen: Das Forum bietet Platz für viele Existenzgründer und lokale Einzelhandelsgeschäfte, die die zentrale Lage im Center mit dem neuen Gesicht schätzen, um Kunden zu finden. Als das Center 1990 wiedereröffnet wird, gelingt es, daraus einen Anziehungspunkt der Innenstadt zu schaffen. 1992 bezieht sogar der Modekonzern Peek & Cloppenburg (P&C) den vorherigen Leerstand, den der Möbelmarkt hinterlassen hatte.

Mit der Teil-Neueröffnung des Mitbewerbers Stern Center 1993 beginnt dann aber die finale Abwärtsspirale für das „Forum am Sternplatz“. Und die dreht sich immer schneller, reißt alles mit sich. 2001 gibt auch P&C seinen Standort hier auf, lange Jahre steht der Gebäudebereich leer, bis sich die Warenhauskette TK Maxx dort niederlässt.

Stadt Lüdenscheid verkauft ihre Center-Anteile

Die Filiale kann sich bis heute am Standort behaupten, doch im Laufe der Zeit stirbt der Rest des Forums komplett ab. Leerstand reiht sich an Leerstand. Das Center verdreckt und verkommt zunehmend. 2008 tritt dann sogar die Stadt Lüdenscheid ihre Center-Anteile in Form von Freizeitbad und Parkpalette ab.

Käufer ist der irische Investor und Fleisch-Exporteur Samuel Bertram Allen, der in wenigen Jahren mehr als 50 Immobilien in Nordrhein-Westfalen erwirbt. Unter anderem ist Allen heute auch Eigentümer des ehemaligen WestLB-Hauses an der Dortmunder Kampstraße, das 2013 zum Ärztehaus DOC umfunktioniert wurde.

Für das Anfang der 1980er knapp 17 Millionen D-Mark teure Freizeitbad berappt Allens Lanber Gmbh mit Sitz in Marl gerade einmal eine Million Euro – zuvor hatte die Stadt den Gebäudeteil für ebenfalls eine Million Euro für eine Nachnutzung als Kinder-Indoor-Spielplatz umgerüstet. Als solcher wird die Fläche auch noch bis 2013 von insgesamt zwei Mietern genutzt, bevor auch dieser Gebäudeteil leersteht.

Tummelplatz für mutmaßliche Drogenhändler

Die abgestorbene Ladenstraße des Forums am Sternplatz ist da mittlerweile an die Helvetica Services in Berlin verkauft worden. Das Unternehmen rührt sich fortan nicht, um das Center wieder attraktiver zu machen. Viel schlimmer noch: Im Internet geistern Videos herum, die Jugendliche zeigen sollen, die in dem Zentrum mit Drogen handeln. Außerdem kursiert ein Video, das einen Junkie zeigen soll, der sich in einem Treppenhaus dort einen Schuss setzt.

Als Mezori Hussein Saleh Younus  im Dezember 2015 die Ladenstraße des „Forum am Sternplatz“ von der Helvetica Services ersteigert, weiß er nicht, dass er einen über Jahre gewachsenen, ultimativen Angstraum von Bauruine kauft, wie er sagt. 

Ein ähnliches Schicksal wie das "Forum am Sternplatz" hat auch das Sauerland Center auf der gegenüberliegenden Straßenseite in den vergangenen Jahren ereilt. Neben einer Spielhalle im Erdgeschoss befindet sich nur noch eine Arztpraxis dort – der Rest der elf Etagen steht komplett leer.

Die heutige Eigentümerin der Immobilie will nicht investieren, wenn keine neuen Mieter Interesse haben. Das einzige was sich hier in den vergangenen Monaten getan hat: Ein mit Nato-Draht umwickelter Bauzaun wurde aufgestellt - er versperrt den Aufgang zu den oberen, äußeren Gebäudeteilen. 

 

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