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Einkaufspassage Wulfener Markt: Vom Architektur-Meisterstück zur Dead Mall

DORSTENDie Einkaufspassage Wulfener Markt ist der Inbegriff einer „Dead Mall“ – eine heruntergekommene Gewerbe-Immobilie mit 100-prozentigen Leerstand. Eine Entwicklung, die extrem überrascht: Denn die Passage in Dorsten entstand als Teil des Projekts "Neue Stadt Wulfen", das in den 70er Jahren national für großes Aufsehen sorgte.

Vom Architektur-Meisterstück zur Dead Mall
Die Ladenzeile der Wohn- und Einkaufspassage Wulfener Markt steht seit Januar 2017 komplett leer. Foto: Fabian Paffendorf

Rückblick: Der Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet florierte in den 50er-Jahren. Auch in Dorsten. Ab 1958 wurden hier die Schächte I und II der Zeche Wulfen niedergebracht. Die Planung: Rund 8000 Bergmänner sollten hier zukünftig arbeiten. Arbeiter, die mit ihren Familien nördlich des Zechengeländes wohnen sollten - in einer komplett neu geschaffenen Stadt, ausgelegt für bis zu 60.000 Menschen. 

Stadt der Zukunft soll in Wulfen entstehen

1961 wurde dafür ein Städtebauwettbewerb ausgeschrieben. Verantwortlich für die Planung war die Berliner Planungsgruppe Grosche-Börner-Stumpfl. Der Anspruch der Städteplaner: Die "Neue Stadt Wulfen" sollte eine Stadt der Zukunft werden, die das Wohnen im Jahre 2000 vorweg nehmen würde. Als solche wurde das Projekt damals beworben.

Involviert in den Bau der neuen Stadt war zu Beginn der 70er-Jahre auch das Bundesbauministerium: Von 1971 bis 1973 schrieb es Wohnungsbauwettbewerbe rund um die "Neue Stadt Wulfen aus". Siegerentwurf im Jahr 1972 war die Einkaufspassage Wulfener Markt.  

Den riesigen Wirbel um das Projekt Neue Stadt Wulfen zeigen sechs Videos aus den 70er-Jahren. Direkt weiter zur Geschichte der Einkaufspassage Wulfener Markt geht es hier: Stararchitekt entwirft Einkaufspassage Wulfener Markt

 

 

 

 

 

 

Stararchitekt entwirft Einkaufspassage Wulfener Markt

 

Der Bundesbauwettbewerb 1972 trug den Namen „Elementa“ und war für Teams aus Architekten, Baufirmen und Bauträgern mit dem Ziel ausgeschrieben, kosten- und zeitsparende Bauverfahren mit Fertig-Komponenten in Verbindung mit einem entsprechenden Grundriss-Angebot zu testen.

Gewinner des Wettbewerbes war der renommierte Berliner Architekt Josef Paul Kleinhues. Der Architekt der Hamburger Deichtorhallen entwarf die Einkaufspassage Wulfener Markt als Wohn-und Einkaufszentrum, das den alten Ort Wulfen mit dem Zentrum der neuen Stadt verbinden sollte. Als Bauherr fungierte die Düsseldorfer Gebau AG.  

Die Passage führte 5600 Quadratmeter Verkaufs- und rund 10.000 Quadratmeter Wohnfläche zusammen. 60 Wohnungen und 37 Ladenlokale umfasste die Planung des Gebäudekomplexes, dessen symbolischer erster Spatenstich am 10. Mai 1979 gefeiert wurde. Fertiggestellt wurde die Einkaufspassage 1982. 

Erhebliche Baumängel bei der "Neue Stadt Wulfen"

Zu Beginn der 80er-Jahre waren viele andere Bauten der "Neuen Stadt Wulfen" schon längst wegen ihrer erheblichen Baumängel in die Schlagzeilen geraten. Die führten zum Beispiel dazu, dass das Wohn- und Geschäftshaus "Metastadt" - gefeierter Siegerentwurf des Bundesbauwettbewerbes 1973 - schon im April 1987 vollständig abgerissen werden musste. Das "Metastadt"-System des Architekten Richard J. Dietrich war seinerzeit der erste Hochhausbau Deutschlands, der dem Erdboden gleich gemacht wurde.

Die gewerblichen Mieter der "Metastadt" waren bereits zur Eröffnung der neuen Passage in das Einkaufszentrum Wulfener Markt umgezogen. Dennoch wurde die rund 130 Meter lange, nach beiden Seiten offene Passage des Einkaufscenters immer weniger frequentiert. Besonders litt die Passage an ihrer mangelhaften Einbindung der benachbarten Ortsteile. So funktionierte sie nie in der gewollten Form als Tor und als Mittelpunkt der "Neuen Stadt Wulfen", wie ein Gutachten von Stadtbaukultur NRW analysierte.

Als gravierend falsch stellte sich die Prognose heraus, da der Steinkohlebergbau in der Region nicht so viele Arbeitsplätze bot, wie bei den Planungen angenommen: Die Zeche Wulfen konnte nicht einmal einen Bruchteil der zuvor prognostizierten Arbeitsplätze bieten. Statt der erwarteten 8000 Bergleute kamen gerade einmal rund 500. Heute leben rund 13.000 Menschen in Dorstener Ortsteil Wulfen, der zu Beginn der Planungen für bis zu 60.000 entworfen wurde. 

Fehlplanung: Einkaufspassage Wulfener Markt scheitert

Die völlige Fehlplanung zog auch die Einkaufspassage Wulfener Markt immer tiefer in eine Abwärtsspirale: Seit 1995 waren Flächen der Ladenpassage nicht mehr voll vermietet. Und seitdem war das Elend der Einkaufspassage Wulfener Markt nicht mehr aufzuhalten, wie Dorstens Stadtsprecherin Lisa Bauckhorn sagt: "2008 wollte die Stadt der Eigentümerin, dem "Medico"-Immobilienfond Nr.18 der Gebau-Gruppe, die Passage schon abkaufen, um etwas gegen den Verfall zu unternehmen", so Bauckhorn. Damals war der gebotene Preis der Eigentümerin aber nicht hoch genug, wie es aus dem Rathaus heißt.

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Einkaufspassage Wulfener Markt

Auch die Dorstener Tempelmann-Gruppe, die zu dieser Zeit den Prisma-Einkaufspark in direkter Nachbarschaft des Wulfener Markts, realisierte, hatte Interesse signalisiert, die Problem-Immobilie von der Gebau-Gruppe zu kaufen. Auch dieser Versuch scheiterte.

Hoffnung kam 2015 auf, als die Gebau für den "Medico"-Beteiligungsfonds Insolvenz anmeldete. Die Stadt Dorsten und potenzielle Investoren sahen Chancen, dem Wulfener Markt neues Leben einzuhauchen. Bewegung in den Frust mit der Einkaufspassage brachte die Insolvenz letztlich aber nicht. 

An Interessenten fehlt es nicht

Zwar gab es seit der Insolvenz immer wieder Interessenten für den Wulfener Markt, wie die Dorstener Zeitung berichtete. Doch entweder nahmen die gleich wieder Abstand von dem Vorhaben oder die gebotenen Summen reichten Banken, der Stadt Dorsten und den Gläubigern nicht aus. Im Januar 2017 zog dann auch der allerletzte Mieter aus dem Horror-Bau aus. 

Die Stadt Dorsten, die als bevorrechtigte Gläubigerin einen hohen sechsstelligen Betrag an nicht geleisteten Grundbesitzabgaben für sich reklamiert, steht momentan wieder in Verhandlungen mit einem möglichen Investor für die Passage.

Sollte der sich tatsächlich für eine Sanierung des Baus entscheiden, wird er wohl einen größeren Betrag in die Hand nehmen müssen. Wie hoch der genau ausfallen dürfte, wird aktuell durch ein Gutachten ermittelt, dass noch im Sommer 2017 beziffern soll, was zu machen ist. 

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